Das Urteil von Paris: Wie Kalifornien die Weinwelt erschütterte

09.06.2021

Am 24. Mai 1976 fand im Intercontinental Hotel in Paris ein Ereignis statt, das die Wahrnehmung der Weinwelt für immer verändern sollte. Neun führende französische Weinexperten nahmen an einer Blindverkostung teil, ohne zu ahnen, dass sie Zeugen eines historischen Wendepunkts werden würden. Was als unscheinbare Verkostung gedacht war, ging als „Judgment of Paris“ in die Geschichte ein.

Ein Wettbewerb, der keinen Sieger haben sollte

In den 1970er Jahren galt Frankreich als unangefochtener Maßstab der Weinwelt. Bordeaux und Burgund bestimmten, was Qualität und Prestige bedeuteten. Im Gegensatz dazu war der kalifornische Weinbau – insbesondere das Napa Valley – international kaum bekannt.

Gerade deshalb wirkte die Idee, amerikanische Weine gegen französische antreten zu lassen, wie ein gewagtes Experiment – für viele eher eine Kuriosität als ein ernsthafter Wettbewerb.

Hinter dem Judgment of Paris stand der britische Weinhändler Steven Spurrier, der in den 1970er Jahren in Paris ein Weinfachgeschäft und die Weinschule Académie du Vin betrieb. Spurrier war für seine Offenheit gegenüber internationalen Weinen bekannt und dafür, dass er sie nach Qualität und nicht nach Herkunft beurteilte. Die Idee zur Verkostung entstand durch seine amerikanische Mitarbeiterin Patricia Gastaud-Gallagher, die ihn auf die steigende Qualität kalifornischer Weingüter aufmerksam machte.

Im Frühjahr 1976 reiste Spurrier gemeinsam mit seiner Frau nach Kalifornien, um die Weine persönlich auszuwählen. Im Napa Valley besuchte er kleinere, damals noch wenig bekannte Weingüter und traf seine Auswahl ausschließlich nach eigenem Geschmack – unabhängig von Ruf oder Preis. Die Flaschen wurden anschließend mit Hilfe amerikanischer Winzer nach Frankreich gebracht, die sie als persönliches Gepäck transportierten, um Schwierigkeiten beim Versand zu vermeiden. Auch dieses Detail gehört heute zur Geschichte einer Verkostung, die die Weinwelt veränderte.

Blindverkostung als Revolution

Spurrier lud neun führende französische Experten ein – darunter Aubert de Villaine vom Domaine de la Romanée-Conti, Odette Kahn, Chefredakteurin der Revue du Vin de France, sowie Jean-Claude Vrinat, Raymond Oliver, Michel Dovaz und Claude Dubois-Millot. Ihre Autorität und ihre tiefe Verwurzelung in der französischen Weintradition verliehen der Verkostung besonderes Gewicht – und machten das Ergebnis umso überraschender.

Die Verkostung erfolgte blind – die Etiketten waren verdeckt, und die Jury bewertete ausschließlich den Inhalt der Gläser. Auf der einen Seite standen Spitzenweine aus Burgund und Bordeaux, auf der anderen ihre kalifornischen Gegenstücke: Chardonnay und Cabernet Sauvignon aus dem Napa Valley.

Schon während der Verkostung wurde deutlich, dass das Ergebnis nicht so eindeutig ausfallen würde, wie alle erwartet hatten. George M. Taber, der einzige anwesende Journalist, bemerkte einen entscheidenden Moment, als einer der Juroren einen Weißwein probierte und selbstsicher erklärte: „Das ist bestimmt Kalifornien. Kein Duft.“ Tatsächlich handelte es sich jedoch um Batard-Montrachet – eines der renommiertesten Chardonnay-Weine aus Burgund. In diesem Moment wurde klar, dass diese Verkostung völlig anders ausgehen könnte, als irgendjemand angenommen hatte.

Das Undenkbare wird Realität

Die Ergebnisse überraschten die ganze Welt. In der Kategorie der Weißweine gewann ein Chardonnay 1973 vom Chateau Montelena. Bei den Rotweinen setzte sich ein Cabernet Sauvignon 1973 von Stag’s Leap Wine Cellars durch. Beide Weine schlugen berühmte französische Namen wie Château Mouton-Rothschild und Château Haut-Brion.

Es war eine klassische David-gegen-Goliath-Geschichte: junge und vergleichsweise günstige Weine aus Kalifornien übertrafen etablierte Legenden mit jahrhundertelanger Tradition und deutlich höheren Preisen. Das Napa Valley fand sich plötzlich auf der Landkarte der internationalen Weinwelt wieder.

Der einzige Journalist vor Ort war George M. Taber vom Time Magazine. In seinem Artikel prägte er den Begriff „Judgment of Paris“ in Anlehnung an die griechische Mythologie. Dieser Name wurde schnell zur ikonischen Bezeichnung des gesamten Ereignisses. (Den vollständigen Originalartikel finden Sie hier.)

Die Reaktionen der französischen Juroren waren gemischt. Einige stellten die Ergebnisse infrage, andere versuchten, deren Bedeutung abzuschwächen. Odette Kahn forderte sogar ihren Bewertungsbogen zurück, um ihre Einschätzungen nicht veröffentlichen zu lassen. Dennoch ließ sich das Ergebnis nicht ignorieren. Die Verkostung zeigte, dass große Weine nicht ausschließlich aus traditionellen europäischen Regionen stammen müssen.

Das Judgment of Paris war kein einmaliger Überraschungserfolg. Es markierte einen Wendepunkt, der Winzern aus aller Welt neue Möglichkeiten eröffnete. Kalifornische Weine gewannen an Anerkennung und etablierten sich zunehmend in der Weltspitze.

Weitere Verkostungen in den Jahren 1986 und 2006, bei denen die Weine nach Jahren der Reifung erneut bewertet wurden, bestätigten diesen Trend – kalifornische Weine behaupteten sich und siegten oft erneut.

Ein Symbol des Wandels

Die Bedeutung dieses Ereignisses wurde auch von der Filmindustrie aufgegriffen. 2008 erschien der Film Bottle Shock, der vom Judgment of Paris inspiriert ist. Er erzählt die Geschichte des Weinguts Chateau Montelena und zeigt den Aufeinandertreffen selbstbewusster französischer Tradition mit der jungen kalifornischen Weinszene, die sich gerade erst etabliert. Es handelt sich nicht um eine Dokumentation, sondern um eine dramatisierte Erzählung, die die Atmosphäre der 1970er Jahre, den Mut der Winzer im Napa Valley und den überraschenden Moment einfängt, der die Weinwelt veränderte.

Heute gehört das Napa Valley zu den renommiertesten Weinregionen der Welt. Weingüter wie Chateau Montelena oder Stag’s Leap Wine Cellars stehen für Qualität und Innovationsgeist.

Das Judgment of Paris ist mehr als nur eine Verkostung. Es steht für den Moment, in dem die Weinwelt offener und vielfältiger wurde. Es zeigte, dass Tradition allein keine Qualität garantiert – und dass große Weine überall entstehen können, wo die richtigen Bedingungen, Wissen und Leidenschaft zusammenkommen.

Hinweis: Am 24. Mai 2026 jährt sich die legendäre Pariser Weinverkostung von 1976, bekannt als „Judgment of Paris“, zum 50. Mal. Feiern Sie dieses Jubiläum mit uns!

Quellen:

https://edition.cnn.com/travel/article/judgment-of-paris-wine-tasting-cmd/index.html

https://www.ridgewine.com/about/explore/judgment-of-paris/

https://time.com/archive/6880821/modern-living-judgment-of-paris/

https://judgementofparis50.com/

 

 

9 Juni 2021

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