
Mit dem November wächst die Lust auf herzhafte Gerichte und vollmundige Rotweine. Zu einem langsam gegarten Braten oder einem herbstlichen Ragout öffnen wir gerne den Cabernet Sauvignon, den wir für eine solche Gelegenheit aufbewahrt haben.
Diesmal führt uns die Reise in die östlichen Hügel des Napa Valley. Priest Ranch blickt auf eine Geschichte zurück, die bis in die Zeit des Goldrauschs reicht, und ist vor allem für ausdrucksstarke Cabernets bekannt. Doch es wäre schade, es dabei zu belassen. In den Weinbergen finden auch weniger verbreitete Rebsorten ihren Platz, die eine Entdeckung wert sind.
Priest Ranch wurde 1869 von James Joshua Priest gegründet, einem Goldsucher aus der Zeit des kalifornischen Goldrauschs. Nach und nach baute er hier einen landwirtschaftlichen Betrieb auf und pflanzte 1891 die ersten zehn Acres Reben. In den damaligen Weinbergen wuchsen Zinfandel und die weiße Rebsorte Chasselas.
Priest beschränkte sich allerdings nicht auf die Landwirtschaft. Auf dem Gelände entsprangen natürliche Quellen, deren von Natur aus kohlensäurehaltiges Mineralwasser er abfüllte und in ganz Kalifornien verkaufte. In einer Zeit, in der die Menschen gerne auf allerlei Tonika und wundersame Elixiere vertrauten, war das ein vielversprechendes Geschäft. An dieses Kapitel der Geschichte erinnern heute mit einem Augenzwinkern die Weinnamen Snake Oil und Remedy.
Die moderne Geschichte des Weinguts begann 2004 mit dem Erwerb des historischen Ranchgeländes für das Projekt Somerston Estate. Später kam das benachbarte Elder Valley hinzu, und 2007 entstanden die ersten Weine unter dem Namen Priest Ranch: Cabernet Sauvignon und Petite Sirah. Verantwortlich dafür war der Winzer und Mitgründer Craig Becker, der die weitere Entwicklung des Weinguts maßgeblich prägte.

Die Trauben für Priest Ranch stammen von Somerston Estate in den Vaca Mountains, östlich von St. Helena. Das gesamte Anwesen umfasst etwa 680 Hektar, von denen nur ein kleinerer Teil mit Reben bepflanzt ist. Weinberge wechseln sich hier mit bewaldeten Hängen und offener Landschaft ab, die sich über zwei Täler und drei Höhenzüge erstreckt.
Die einzelnen Lagen befinden sich auf etwa 260 bis 490 Metern über dem Meeresspiegel und bieten sehr unterschiedliche Bedingungen. Boden, Hangneigung und Sonneneinstrahlung spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Lage innerhalb des Anwesens. Der westliche Teil wird stärker von kühlerer Küstenluft beeinflusst, während es im Osten meist wärmer ist. Selbst innerhalb desselben Anwesens reifen die Trauben daher unterschiedlich.
Die Weinberge sind in kleinere Parzellen unterteilt, sodass sich die Bewirtschaftung an den jeweiligen Standort und die Rebsorte anpassen lässt. Neben Cabernet Sauvignon wachsen hier Merlot, Cabernet Franc, Petit Verdot, Malbec, Petite Sirah und Syrah. Bei den weißen Sorten haben Sauvignon Blanc und Grenache Blanc ihren Platz.
Diese Vielfalt kommt bei der Zusammenstellung der Weine zugute. Trauben aus einer Parzelle können eine ausgeprägtere Frucht beisteuern, andere festere Tannine oder mehr Frische. So stehen dem Kellerteam unterschiedliche Komponenten zur Verfügung, die es je nach Entwicklung des Jahrgangs miteinander verbinden kann.
Heute führt Cody Hurd die Arbeit von Craig Becker fort, an dessen Seite er viele Jahre verbracht hat. Er begann im Keller und lernte nach und nach die Weinberge und die Weine der einzelnen Lagen kennen. Dabei arbeitet er eng mit Jake Knobloch zusammen, der das Weinbergsteam leitet.
Bei der Weinbereitung gilt ein einfacher Grundsatz: Sorgfältig angebaute Trauben verdienen eine ebenso sorgfältige Verarbeitung. Die Methoden werden auf die jeweilige Rebsorte und den Charakter des Weins abgestimmt. Die Rotweine reifen in französischen Eichenfässern, bei den Weißweinen kommen auch Edelstahlbehälter und der Ausbau auf der Feinhefe zum Einsatz. Dadurch erhalten die Weine mehr Fülle und eine weichere Textur, ohne dass Holz ihre Aromen überlagert.
Der Cabernet Sauvignon 2022 verbrachte beispielsweise 22 Monate in französischen Eichenfässern, von denen 40 % neu waren. Anschließend wurde er ungeschönt und unfiltriert abgefüllt. Im Wein finden sich rote Kirschen, Lakritz und Gewürze, ergänzt durch Kräuter und Kaffee. Seidige Tannine, eine angenehme Säure und ein langer Abgang machen ihn zu einem Cabernet, für den man sich gerne Zeit nimmt.
Cabernet Sauvignon gehört zu den wichtigsten Rebsorten von Priest Ranch und wird hier in mehreren Varianten ausgebaut. Eine davon ist Snake Oil, für den das Kellerteam Trauben aus ausgewählten Cabernet-Parzellen verwendet.
Snake Oil 2019 ist ein vollmundiger Wein mit Noten von Brombeeren, schwarzen Johannisbeeren und dunklen Pflaumen. Nach und nach kommen Zedernholz, Tabak und dunkle Schokolade hinzu. Markante, reife Tannine verleihen ihm eine feste Struktur und einen langen Abgang. Am besten genießt man ihn aus einem großen Weinglas und gibt ihm etwas Zeit, sich zu entfalten – zum Beispiel zu einem Rinderbraten.
Neben den reinsortigen Cabernets verdient auch die rote Cuvée Remedy 2021 Aufmerksamkeit. Dunkle Früchte, Heidelbeeren und Kirschen werden von Noten von Earl-Grey-Tee, Vanille und Sandelholz begleitet. Dunkle Schokolade und Gewürze runden den Geschmack ab. Dank seiner lebendigen Säure und der reifen Tannine bleibt der Wein trotz seiner Fülle ausgewogen.
Mit dem Napa Valley verbinden wir vor allem Cabernet Sauvignon, bei den weißen Rebsorten meist Chardonnay und Sauvignon Blanc. Bei Priest Ranch lässt sich jedoch auch entdecken, wie Grenache Blanc aus dieser Region schmeckt.
Die Trauben für den Jahrgang 2024 stammen aus einer einzigen Weinbergsparzelle. Der Wein vergor mit natürlichen Hefen im Edelstahl und blieb vor der Abfüllung sieben Monate auf der Feinhefe, die regelmäßig aufgerührt wurde.
Das Ergebnis ist ein frischer Weißwein mit angenehm voller Textur. Er duftet nach Zitrusfrüchten, Birnen und Geißblatt, am Gaumen kommen weißer Pfirsich und eine feine mineralische Note hinzu. Bei Tisch passt er beispielsweise zu cremigem Käse oder leicht pikanten Gerichten. Und er dürfte auch all jene freuen, die gelegentlich gerne etwas anderes als ihre gewohnte Rebsorte probieren.

Ein großer Teil von Somerston Estate ist naturbelassene Landschaft, von der auch die Weinberge profitieren. Sie bietet nützlichen Insekten und anderen Tieren einen Lebensraum. Eulen helfen bei der Regulierung von Nagetieren und werden durch Nistkästen auf dem Gelände unterstützt.
Zwischen den Rebzeilen bleibt eine Begrünung erhalten. Sie schützt den Boden vor Erosion, hilft, Feuchtigkeit zu speichern, und verringert die Notwendigkeit häufiger Maschineneinsätze. Wann und wie viel bewässert wird, entscheidet das Team anhand von Messdaten der Bodensensoren und Wettervorhersagen. Ein Tropfbewässerungssystem versorgt die Reben dann direkt mit einer Wassermenge, die den aktuellen Bedingungen entspricht.
Dahinter steht die tägliche Arbeit des Weinbergsteams: Es beobachtet den Boden, das Wetter und den Zustand der einzelnen Rebstöcke. Auf dieser Grundlage wird entschieden, was die jeweilige Parzelle gerade braucht.
Um die Weine von Priest Ranch zu probieren, muss man nicht bis in die Weinberge fahren. Seit 2010 betreibt das Weingut einen Verkostungsraum in Yountville, zu dem 2023 The Kitchen at Priest Ranch hinzukam. Essen spielt hier eine wichtige Rolle und eröffnet einen weiteren Zugang zu den Weinen.
Zu den Spezialitäten gehört eine Verkostung mit vier unterschiedlich zubereiteten Varianten vom Schweinebauch. Jede wird mit einem anderen Wein kombiniert. So können die Gäste selbst erleben, wie stark Gewürze oder die Zubereitungsart das Zusammenspiel beeinflussen, obwohl die Hauptzutat dieselbe bleibt.
Einen ähnlichen Abend kann man natürlich auch zu Hause genießen. Einen Cabernet zum Braten öffnen, Grenache Blanc zum Käse servieren und ein paar Freunde einladen. Die Weine von Priest Ranch bieten reichlich Gesprächsstoff, können aber genauso gut einfach einen Abend begleiten, den man gemeinsam verbringen möchte.
Quellen:
November 1, 2026